Das staatliche Standardprodukt fürs Altersvorsorgedepot: Soll ich darauf warten?
11. Juni 2026 · Timotheus Ruprecht · 4 Minuten Lesezeit

Die Reform sieht ein staatlich organisiertes Standarddepot mit gedeckelten Kosten vor. Banken und Versicherer laufen dagegen Sturm. Was das öffentliche Angebot ist und ob sich das Warten lohnt.
Die Altersvorsorgereform ist beschlossen und verkündet. Trotzdem sorgt ein Teil davon gerade für den größten Streit: das staatliche Standardprodukt. Gemeint ist ein günstiges Altersvorsorgedepot, das ein öffentlicher Träger anbieten soll, als neutraler Vergleichsmaßstab neben den privaten Angeboten. Banken und Versicherer laufen dagegen Sturm. Für Sparer stellt sich vor allem eine Frage: Soll ich auf dieses Staatsangebot warten? Stand Juni 2026.
Was das staatliche Standardprodukt ist
Die Reform erlaubt nicht nur private Anbieter. Sie sieht zusätzlich ein öffentlich organisiertes Standarddepot vor, das allen Förderberechtigten offensteht.
Der Gedanke dahinter ist ein einfaches, transparentes Angebot, an dem sich die privaten Produkte messen lassen müssen. Beim Standardprodukt sind die Effektivkosten auf ein Prozent pro Jahr gedeckelt. Mehr darf es nicht kosten. Das staatliche Angebot soll diese Grenze sichtbar machen und so den Wettbewerb stärken.
Wichtig ist die Einschränkung: Das öffentliche Standarddepot steht im Gesetz, aber die Details fehlen noch. Die Bundesregierung muss es erst per Rechtsverordnung ausgestalten. Diese Verordnung lag im Frühjahr 2026 noch nicht vor.
Warum die Branche dagegen Sturm läuft
Versicherer und Banken sehen im Staat plötzlich einen Konkurrenten im eigenen Markt. Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft hat sich klar positioniert. Sein Hauptgeschäftsführer Jörg Asmussen sagt: "Der Staat darf nicht gleichzeitig Spieler, Schiedsrichter und Platzwart sein." Der Verband fordert gleiche Wettbewerbsregeln. Das staatliche Angebot solle unter denselben Bedingungen antreten wie private Produkte.
Auch die Genossenschaftsbanken kritisieren das Vorhaben. Ihre Präsidentin Marija Kolak warnt, der Staat verlasse mit einem eigenen Produkt seine Rolle als Rahmengeber.
Die Sorge dahinter ist klar: Ein günstiges Staatsdepot mit gedeckelten Kosten setzt die Preise unter Druck und schmälert mögliche Provisionen.
Es gibt aber auch die Gegenseite. Verbraucherschützer begrüßen genau das. Ein günstiges, neutrales Vergleichsangebot nimmt teuren Verträgen den Spielraum und macht Kosten leichter vergleichbar. Was die einen als unfairen Wettbewerb sehen, sehen die anderen als Schutz vor überteuerten Abschlüssen.
Was noch offen ist
Drei Dinge sind bisher nicht geklärt.
Erstens, wer das öffentliche Angebot am Ende technisch aufbaut und verwaltet. Genannt werden verschiedene öffentliche Institutionen, festgelegt ist nichts.
Zweitens die genauen Regeln. Die Rechtsverordnung, die das Standarddepot ausgestaltet, wird im Lauf des Jahres 2026 erwartet. Bis dahin steht nur der Rahmen fest, nicht die konkrete Umsetzung.
Drittens der Zeitpunkt. Ob das Staatsprodukt pünktlich zum Start am 1. Januar 2027 bereitsteht oder erst später kommt, ist offen. Die privaten Anbieter sind hier schon weiter und haben teils konkrete Konditionen genannt.
Soll ich auf das Staatsprodukt warten?
Das hängt davon ab, was du suchst.
Ein günstiges Altersvorsorgedepot gibt es schon, auch ohne das Staatsangebot. Die Neobroker Scalable Capital und finanzen.net ZERO verlangen null Depotgebühr. Dazu kommen nur die niedrigen Kosten eines breiten ETF, oft rund 0,10 bis 0,20 Prozent im Jahr. Das liegt heute schon deutlich unter dem gedeckelten einen Prozent.
Das staatliche Standardprodukt ist als Vergleichsmaßstab gedacht, nicht zwangsläufig als das billigste Angebot überhaupt. Es legt eine Obergrenze fest, kein Bestpreis-Versprechen. Wer schon ein günstiges Depot im Blick hat, muss auf das Staatsangebot also nicht warten.
Wer dagegen unsicher ist und ein einfaches, neutrales Standardangebot bevorzugt, kann die Rechtsverordnung abwarten und dann in Ruhe vergleichen.
In beiden Fällen gilt: Der Start ist erst 2027. Es gibt keinen Grund, sich jetzt zu etwas drängen zu lassen.
Dieser Beitrag ordnet den öffentlich bekannten Stand ein und ist keine Anlageempfehlung.
Was als Nächstes kommt
Der nächste Meilenstein ist die Rechtsverordnung zum öffentlichen Standardprodukt. Sie legt fest, wie das Angebot genau aussieht und wer es trägt. Parallel dazu werden im Herbst die privaten Anbieter ihre finalen Konditionen vorlegen.
Wie die Kosten beim Altersvorsorgedepot grundsätzlich aufgebaut sind und welche Zahlen schon feststehen, steht im Beitrag Was kostet das Altersvorsorgedepot → und im Wissens-Artikel Kosten im Altersvorsorgedepot →