Staatliches Standarddepot: Warum der Start am 1. Januar 2027 nicht zu halten ist
23. August 2026 · Timotheus Ruprecht · 5 Minuten Lesezeit

Seit Juli 2026 berichten Handelsblatt, SZ und andere übereinstimmend, dass das staatlich organisierte Standarddepot den gesetzlichen Starttermin verfehlt. Träger unbestimmt, Rechtsverordnung fehlt, Ausschreibung nicht begonnen. Die Chronik und was für Sparer daraus folgt.
Im Gesetz steht ein Datum: 1. Januar 2027. Bis dahin soll es neben den privaten Altersvorsorgedepots ein staatlich organisiertes Standarddepot geben, günstig, schlicht, für alle, die sich nicht durch Produktvergleiche arbeiten wollen. Vier Monate vor diesem Datum ist nicht entschieden, welche Behörde das Depot überhaupt betreiben soll. Die Rechtsverordnung, die alles Weitere regeln müsste, ist nicht erschienen. Eine Ausschreibung hat nicht begonnen. Stand August 2026.
Was inzwischen feststeht
Über den Sommer 2026 hat sich die Berichterstattung von einer Vermutung zu einem gefestigten Befund verdichtet. Der Ablauf in der Übersicht:
16. Juli 2026. Das Handelsblatt veröffentlicht eine Recherche unter der Überschrift "Banken und Broker sind im Zeitplan, der Bund nicht". Kurz darauf zieht die Süddeutsche Zeitung mit eigener Recherche nach und kommt zum gleichen Ergebnis. Genannt werden zwei ungelöste Fragen: Welche staatliche Stelle legt das eingezahlte Kapital an, und welche Behörde übernimmt die Vertragsverwaltung mit Kundenkontakt?
Ebenfalls Juli. Matthias Beenken, Professor für Versicherungswirtschaft an der FH Dortmund, sagt öffentlich, der Start des staatlichen Depots werde über den 1. Januar 2027 hinausgehen. Er rechnet frühestens im Verlauf des Folgejahres mit einem Angebot. Der Grünen-Finanzpolitiker Stefan Schmidt warnt im Bundestag, die zeitgerechte Umsetzung sei in ernster Gefahr.
Juli und August. biallo.de, Cash., t-online und finanznachrichten.de bestätigen den Stand. Das Handelsblatt widmet dem Thema eine eigene Podcast-Folge. Aus Regierungskreisen ist übereinstimmend zu hören, der Januar-Termin sei für das staatliche Angebot nicht zu halten.
Durchgehend. Das Bundesfinanzministerium bleibt bei einem Satz: "Das staatlich geförderte Altersvorsorgedepot startet am 1. Januar 2027." Auf Nachfrage erklärt das Ministerium außerdem, man sei "innerhalb der Bundesregierung und mit möglichen Trägern im Gespräch". Beide Aussagen widersprechen sich nicht. Der erste Satz gilt für den Förderrahmen und die privaten Produkte. Ob das staatliche Standarddepot selbst gemeint ist, lässt das Ministerium offen.
Genau in dieser Lücke liegt die ganze Geschichte.
Warum es klemmt
Drei Dinge hängen voneinander ab, und keines davon ist erledigt.
Die Trägerfrage ist offen. Das Gesetz schreibt einen öffentlichen Träger vor, benennt ihn aber nicht. Diskutiert werden die Deutsche Bundesbank, der Kenfo, die Deutsche Rentenversicherung und die KfW. Die KfW hat erklärt, bislang gar nicht angefragt worden zu sein. Der Kenfo hat auf seine Erfahrung in der Kapitalanlage hingewiesen. Entschieden ist nichts. Keine dieser Institutionen führt heute Privatkundendepots. Nötig wären Depotführung, Legitimationsprozesse, Vertragsverwaltung, Kundenservice und die passenden IT-Systeme, alles für potenziell hunderttausende Kunden.
Die Rechtsverordnung fehlt. Das Altersvorsorgereformgesetz beschreibt für das Standarddepot nur den Rahmen. Die konkrete Ausgestaltung muss die Bundesregierung per Verordnung erlassen. Diese Verordnung lag auch Ende August 2026 nicht vor. Solange sie fehlt, kann niemand ausschreiben, und ohne Ausschreibung gibt es keinen Träger.
Die Ausschreibung dauert. Soll ein externer Dienstleister den Betrieb übernehmen, ist ein europaweites Vergabeverfahren Pflicht. Solche Verfahren brauchen erfahrungsgemäß sechs Monate und mehr. Diese Zeit ist bis Januar 2027 rechnerisch nicht mehr vorhanden, selbst wenn die Verordnung morgen käme.
Was das für dich bedeutet
Für die meisten Sparer ändert sich wenig, und das ist die eigentliche Nachricht.
Die privaten Anbieter sind nicht betroffen. Scalable Capital, finanzen.net ZERO, Trade Republic, ING, DKB, Comdirect und Consorsbank halten am 1. Januar 2027 fest. Sie brauchen die Verordnung zum staatlichen Angebot nicht, um selbst zu starten. Ihre Zertifizierungsverfahren beim Bundeszentralamt für Steuern laufen im Herbst 2026 an.
Auch das Fördermodell steht. Zulagen, Eigenbeitrag und steuerliche Behandlung gelten ab dem 1. Januar 2027, unabhängig davon, ob das Standarddepot existiert. Wer erst im Lauf des Jahres 2027 einsteigt, verliert keine Förderung dauerhaft.
Was zum Start fehlt, ist der neutrale Vergleichsmaßstab. Das Standarddepot war als Referenzpunkt gedacht, an dem sich private Produkte messen lassen müssen. Der fehlt zunächst.
Nur: Dieser Maßstab wäre ohnehin eine Obergrenze gewesen, kein Bestpreis. Der gesetzliche Kostendeckel liegt bei einem Prozent Effektivkosten im Jahr. Scalable Capital und finanzen.net ZERO haben null Depotgebühr bestätigt, dazu kommen ETF-Kosten von meist 0,10 bis 0,20 Prozent jährlich. Die günstigen privaten Angebote liegen also schon heute weit unter dem, was das staatliche Depot maximal hätte kosten dürfen.
Ehrlich bleibt trotzdem ein Punkt: Für Menschen ohne Erfahrung mit Wertpapieren war das Standarddepot als einfacher, neutraler Einstieg gedacht, bei dem man sich nicht für einen Anbieter entscheiden muss. Genau diese Zielgruppe geht zum Start leer aus. Ein Kostenvergleich hilft nur dem, der ihn führen will.
Praktisch heißt das: Wer im Januar 2027 anfangen möchte, wählt aus privaten Angeboten. Wer auf das Staatsdepot wartet, wartet auf einen Termin, den bislang niemand nennen kann.
Woran du erkennst, dass es vorangeht
Drei Signale, in dieser Reihenfolge:
- Die Rechtsverordnung wird veröffentlicht. Das ist die Voraussetzung für alles Weitere.
- Die Bundesregierung benennt den Träger. Erst danach lässt sich ein realistischer Starttermin überhaupt seriös nennen.
- Der Träger schreibt aus oder beginnt den Aufbau. Ab hier wird die Sache konkret.
Beobachter erwarten eine Trägerentscheidung im Herbst 2026 und einen tatsächlichen Start des staatlichen Depots frühestens Mitte 2027. Ein offizieller Zeitplan der Bundesregierung existiert dafür nicht.
Parallel läuft der private Teil planmäßig weiter. Die Zertifizierungen durch das Bundeszentralamt für Steuern sollen im vierten Quartal 2026 abgeschlossen sein, dann veröffentlichen die Anbieter ihre finalen Konditionen.
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