Altersvorsorgedepot: Vier Entwicklungen aus dem Sommer 2026, die zählen
23. August 2026 · Timotheus Ruprecht · 6 Minuten Lesezeit

Rentenkommission empfiehlt eine Kapitalrente in der gesetzlichen Rente, Allianz schreibt 1,5 Millionen Riester-Kunden an, das PFOF-Verbot greift, und eine White-Label-Plattform öffnet den Markt für Sparkassen und Berater. Was davon deine Entscheidung für 2027 beeinflusst.
Zwischen Ende Mai und Mitte August ist beim Altersvorsorgedepot einiges passiert, das keine Schlagzeile für sich getragen hat, in der Summe aber den Markt formt, auf den du im Januar 2027 triffst. Vier Dinge sind es. Eine politische Weichenstellung, ein Manöver des größten Lebensversicherers, eine regulatorische Änderung bei den Neobrokern und eine Infrastruktur, die den Kreis der Anbieter deutlich erweitern könnte. Stand August 2026.
1. Die Rentenkommission will eine Kapitalrente in der gesetzlichen Rente
Am 23. Juni 2026 hat die Alterssicherungskommission ihren Abschlussbericht an Bundesministerin Bärbel Bas übergeben. Kanzler Friedrich Merz und Bas stellten das Paket gemeinsam vor und kündigten an, alle 33 Empfehlungen vollständig umzusetzen, statt einzelne herauszugreifen.
Die größte davon ist Empfehlung 28: eine verpflichtende kapitalgedeckte Komponente innerhalb der gesetzlichen Rentenversicherung, orientiert am schwedischen Modell. Vorgeschlagen sind ein zusätzlicher Beitragssatz von zwei Prozentpunkten, je zur Hälfte von Arbeitgebern und Beschäftigten getragen, individuelle Kapitalkonten für alle Beitragszahler und eine zentrale Verwaltung der Mittel am Kapitalmarkt.
Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft begrüßt mehr Kapitaldeckung, lehnt die zentrale staatliche Verwaltung aber ab. Es ist dasselbe Argument, das der Verband schon gegen das staatliche Standarddepot vorbringt: Der Staat solle nicht gleichzeitig Anbieter, Regulierer und Schiedsrichter sein.
Was das für dich heißt: vorerst nichts. Die 33 Empfehlungen sind kein Gesetz, sondern ein Auftrag, Entwürfe zu erarbeiten. Erste Entwürfe werden im zweiten Halbjahr 2026 erwartet, einen offiziellen Zeitplan gibt es nicht. Eine künftige Kapitalrente läge in der ersten Säule und wäre kein Ersatz für das Altersvorsorgedepot in der dritten. Beide liefen nebeneinander. Ob eine solche Pflichtkomponente die private Vorsorge wichtiger oder unwichtiger macht, hängt vollständig an ihrer Ausgestaltung und lässt sich heute nicht beantworten.
2. Allianz schreibt 1,5 Millionen Riester-Kunden an
Bei der Allianz laufen rund 1,5 Millionen Riester-Versicherungsverträge. Im Juli 2026 hat der größte deutsche Lebensversicherer eine Beratungsoffensive für diese Bestandskunden gestartet: aktive Anschreiben, Beratungsgespräche über Vermittler und ein neuer Online-Förderrechner auf allianz.de, den nach Unternehmensangaben bereits mehr als 20.000 Kunden und Vermittler genutzt haben.
Eine interne Befragung liefert die Begründung: Drei von vier Riester-Sparern erwarten, dass ihr Anbieter von sich aus über die Reform informiert, und ebenso viele wünschen sich ein persönliches Gespräch.
Zum Altersvorsorgedepot hat Allianz angekündigt, ab dem 1. Januar 2027 in allen drei geförderten Produktkategorien anzutreten: mit einem Altersvorsorgedepot ohne Beitragsgarantie auf Basis des bestehenden InvestFlex-Konzepts, mit einem Altersvorsorgevertrag mit 80-Prozent-Beitragsgarantie und mit dem Standarddepot samt gesetzlichem Kostendeckel von einem Prozent.
Konkrete Gebühren hat Allianz für keines der drei Produkte genannt. Die sollen im Herbst 2026 folgen, zeitgleich mit der Zertifizierung durch das Bundeszentralamt für Steuern.
Was das für dich heißt: Wenn du einen Riester-Vertrag bei der Allianz hast, wirst du in den kommenden Wochen wahrscheinlich kontaktiert, per Brief oder über deinen Vermittler. Dieser Kontakt ist Information, keine Aufforderung zu unterschreiben. Bestehende Riester-Verträge laufen weiter, ein Wechsel ist freiwillig, und entschieden werden muss ohnehin frühestens 2027. Ob sich ein Wechsel lohnt, hängt an deinem konkreten Vertrag: Gebühren, Restlaufzeit, Garantiegrad. Das lässt sich pauschal nicht beantworten, und ohne die Herbst-Zahlen fehlt für einen echten Vergleich schlicht die Grundlage.
3. Das PFOF-Verbot greift seit dem 1. Juli
Seit dem 1. Juli 2026 ist Payment for Order Flow in der EU verboten. Für die beiden Neobroker mit den günstigsten Altersvorsorgedepot-Konditionen war das kein Bruch: Scalable Capital hatte sein Erlösmodell schon 2024 mit der eigenen Börse EIX umgestellt, Trade Republic reagierte am Tag nach dem Verbot mit einer neuen Handelstechnologie.
Wie dieser Umbau im Detail aussieht, steht im eigenen Beitrag dazu: Trade Republic stellt die Handelsmaschine um →
Was das für dich heißt: Die bisher kommunizierten Konditionen fürs Altersvorsorgedepot gelten unverändert. Scalable Capital hatte im April 2026 als erster Anbieter verbindliche Eckdaten genannt: kein Depotführungsentgelt, Sparpläne ab einem Euro, 2,50 Prozent Zinsen auf das Verrechnungskonto. Trade Republic hat das Depot zum 1. Januar 2027 bestätigt, aber noch keine offiziellen Gebühren veröffentlicht. Entscheidend für Sparer ist, dass ETF-Sparpläne bei beiden weiterhin kostenlos bleiben. Deine Kostenerwartung ist also nicht überholt. Bei kleineren Brokern, deren Modell stärker an PFOF hing, sind Gebührenerhöhungen dagegen möglich.
4. Eine White-Label-Plattform öffnet den Markt für Sparkassen und Berater
Am 21. Mai 2026 haben Oddo BHF Asset Management und die Kölner Xaver Group eine Partnerschaft für eine White-Label-Plattform rund um das Altersvorsorgedepot angekündigt. Das Angebot richtet sich nicht an Endkunden, sondern an Banken, Versicherungen und Finanzberater, die ab 2027 ein eigenes gefördertes Depot unter eigenem Namen anbieten wollen, ohne Plattform und Zertifizierung selbst aufzubauen.
Angekündigt sind die Produktzertifizierung nach dem Altersvorsorgereformgesetz als Serviceleistung, hybride Vertriebskanäle für digitale und persönliche Beratung, KI-gestützte After-Sales-Prozesse sowie Brückenprodukte, die noch 2026 live gehen und zum Jahreswechsel automatisch ins regulierte Format überführt werden sollen. Für das zweite Halbjahr 2026 ist außerdem ein Riester-Vergleichs- und Wechselservice geplant.
Was das für dich heißt: Wenn du ohnehin zu einem Neobroker oder einer Direktbank gehst, ist das irrelevant. Interessant wird es, wenn du über deine Volksbank, Sparkasse, eine Regionalbank oder einen Versicherungsberater einsteigen willst. Solche Häuser könnten über eine derartige Infrastruktur überhaupt erst ein Altersvorsorgedepot anbieten. Welche Partner die Plattform nutzen werden, ist bislang nicht kommuniziert, und wie gut der angekündigte Riester-Wechselservice tatsächlich funktioniert, lässt sich vor dem Start nicht beurteilen. Ein Punkt bleibt zu beachten: Vertrieb über Berater kostet Geld, und dieses Geld taucht am Ende in den Produktkosten auf.
Was daraus folgt
Der rote Faden dieser vier Meldungen ist ein Verteilungskampf um Bestandskunden. Der Sirius-Campus-Studie zufolge steht ein erheblicher Teil der Riester-Verträge zur Disposition, sobald das Altersvorsorgedepot startet. Allianz reagiert mit Beratung, Oddo BHF und Xaver reagieren mit Infrastruktur für alle, die sonst nicht mitspielen könnten, und die Neobroker verteidigen ihren Kostenvorteil. Die Rentenkommission wiederum zeigt, dass Kapitaldeckung politisch weit über die private Säule hinaus gewollt ist.
Für dich als Sparer ändert das kurzfristig nichts. Die entscheidenden Zahlen kommen im Herbst 2026, wenn Allianz, ING, DKB, Comdirect, Consorsbank und Trade Republic ihre finalen Konditionen vorlegen und die Zertifizierungen durch das Bundeszentralamt für Steuern abgeschlossen sind. Vorher lässt sich kein belastbarer Anbietervergleich führen. Wer jetzt schon Druck spürt, spürt Vertriebsdruck, nicht Zeitdruck.
Warum das staatliche Standarddepot als neutraler Vergleichsmaßstab zum Start voraussichtlich fehlt, steht im Beitrag Warum der Start am 1. Januar 2027 nicht zu halten ist →
Was an Kosten bereits offiziell bestätigt ist und was bislang nur kursiert, klärt Was kostet das Altersvorsorgedepot? →